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Schlagen
wir als erstes einmal im Wörterbuch nach, was man unter dem
Begriff "Kritik" zu verstehen habe, so finden wir dort
unter Ziffer I.: die Urteilsfähigkeit, sowie unter Ziffer II.:
Beurteilung und Wertung, und noch unter Ziffer III.: Tadel,
Rüge und Beanstandung. Dann sehen wir uns auch noch gleich an,
was Opposition bedeutet, und finden dort an erster Stelle:
Gegensatz, Widerstand und Widerspruch. In dieser Wesentlichkeit
können wir hier den Begriff ohne weitere Zusätze so belassen.
Die Verbindung von Kritik und Opposition ergibt sich damit, dass
in Tadel, Rüge und Beanstandung naturgemäß immer auch
Gegensatz, Widerstand sowie Widerspruch mitenthalten ist. Ebenso
ist die Opposition per se nicht ohne tadelnde Anprangerung möglich.
Sonst wäre sie nicht Opposition als Gegenposition, sondern eben
Proposition als eine Fürposition im Sinne von Harmonie und
Zustimmung. Gegensatz, Widerstand und Widerspruch bedingen nun einmal die
Behauptung einer eigenen Richtigkeit gegenüber kritisierter
Fehlerhaftigkeit oder auch Falschheit.
Grundsätzlich
alles im Sein unterliegt einer von uns vorzunehmenden
bewertenden und beurteilenden Einordnung. In unserer
Alltagsbewältigung - um nicht sogleich schon vom täglichen
Überlebenskampf sprechen zu wollen - müssen wir uns pausenlos
orientieren und Entscheidungen finden, die im engsten Bereich uns selbst als Person
sowie auch unser künftiges Handeln betreffen. Abwägungen
zum Für und Wider vornehmen, und Rechnungen dazu aufstellen,
was zu unserem Vorteil sein oder uns zum Nachteil gereichen
könnte, das alles wird weitestgehend von der Kritik umfasst und
abgedeckt. Und immer sind Kriterien also Bewertungsmaßstäbe im
Spiel, die zur Grundlage aller Kritik dienen, und die je nach
den spezifischen Gegebenheiten dann solche oder solche sein
können. Man wird so z. B. ein Tier nicht mit den gleichen
Kriterien bemessen und beurteilen wollen, wie etwa eine Maschine
oder ein technisches Gerät. Und immer ist die Kritik eine von
menschlichen Subjekten vorgenommene, die abgesehen von
objektiven und allgemeinverbindlichen Normvorschriften in
Technik, Industrie und Wissenschaft deshalb individuell und
subjektiv sein wird. Doch um der Gerechtigkeit willen versuchen
all die verantwortungsbewussten Kritiker unter uns zu einer
möglichst objektiven d.h. normorientierten Beurteilung zu
finden, und dabei ihre Subjektivität so gut es eben geht zu
unterbinden, bzw. zurückzudrängen. Denn dass sich niemand aus
seiner Subjektivität vollständig zu lösen vermag, ist
schließlich allgemein bekannt, da sie nun einmal die
natürliche individuelle Ausgangslage darstellt.
Abstrakt und schon fast widernatürlich gestaltet sich von
daher die Selbstkritik, die zum größten Teil von unserem
Gewissen angeregt wird, aber auch durch äußere Kritik von
anderen Menschen an unserer Person bezüglich unseres
Verhaltens. Selbstkritik ist die einzige Möglichkeit nachhaltig
an sich selbst und seinem Verhalten etwas verändern zu können,
weil sie abgesehen von Einsichtigkeit, mit Bedauern und auch
einer gewissen Trauer verbunden ist, was wir so eigentlich nicht
wiedererleben möchten. Die Fähigkeit zur Selbstkritik ist
damit zugleich auch beste Lernfähigkeit. Nur wer auch bei sich
selbst sein Verhalten und seine Person betreffend flexibel ist
und bleibt, wird den sich ständig ändernden Anforderungen des
Lebens und der Zeit gewachsen sein und bleiben. Und immer gibt
es da an uns und unserem Verhalten noch irgend etwas zu
verbessern. Zwar wird das bei solcher Praxis mit zunehmenden
Alter immer weniger, doch perfekt ist und wird in dieser
Zeitwelt wohl niemand. Dafür sorgen schon die Rahmenbedingungen
der täglichen Existenzgefährdung. Hierbei können Zwangslagen
auftreten, in denen wir selbstbetreffend nicht gewinnen können,
sondern uns nur noch Schadensbegrenzung übrig bleibt. Aus
diesem Grund kann auch niemand gut sein, wie es schon einstmals
Jesus einem seiner Zuhörer offenbarte (Mk 10,18 / Lk
18,19).
Mit dem
Begriff des Kritikers ist es schon angeklungen, dass Kritik
üben eine berufliche Arbeit und manchmal sogar eine
hochdotierte sein kann. So kennen wir alle den Theater- oder
auch Filmkritiker, welche die neuen Machwerke grob
verallgemeinernd auf ihre Publikumstauglichkeit hin zu
untersuchen haben. Die Zuschauer sollen vorab wissen können,
was sie bei der Aufführung zu erwarten haben. In der
Schriftstellerei sind es die Literaturkritiker, die bei den Neuerscheinungen
bekannter und berühmter Autoren ihre Rezensionen schriftlich
oder medial veröffentlichen. Was es also bei den Medien schon
sehr lange Zeit gibt, das fehlt völlig in der Musik und den
bildenden Künsten. Da kann ein jeder kriterienlos produzieren
wie es ihm beliebt, und das Publikum oder der Verbraucher
entscheiden mit ihrer Zustimmung oder ihrem Kaufverhalten über
Erfolg und Misserfolg des Werkes. Dabei hat sich eingebürgert,
dass was bei der großen Masse ankommt, über jede Kritik
erhaben ist, indem der kommerzielle Erfolg das Maß aller Dinge
und Qualitäten zu sein habe. Schließlich wird heutzutage nur
noch für den Markt produziert, und was sich da nicht behaupten
kann, das verschwindet sang- und klanglos in der Versenkung, als
die neuzeitliche Müllhalde aller gescheiterten Produkte und
Ideen. Die Aufgabe des beruflichen
Kritikers besteht erkennbar darin, den ungebildet unkritischen
Leuten fachbezogene Kriterien zu vermitteln, mittels derer sie
sich ein eigenes fachlich fundiertes Urteil bilden können, ohne
dafür vorab auf eine "Besprechung" angewiesen zu
sein.
Berufsmäßiger
Kritiker bzw. Rezensent zu sein, ist nun nicht unbedingt
unproblematisch, da diese sehr oft mit ihren Kritiken selbst in
die Schusslinie öffentlicher Kritik geraten. Die entzündet
sich allermeistens daran, dass ihnen zu viel Subjektivität in
ihren Kritiken vorgeworfen wird. Denn was sich "gut"
anhört, oder aber was "gut" aussieht, ist eine reine
Geschmacksfrage, über die auch die Kritiker untereinander
heftig zu streiten vermögen, wie die entsprechenden
TV-Sendungen immer wieder zeigen. Dann muss ein jeder dieser
Kritiker versuchen, sich mit seiner Definition des Guten, Wahren
und Gekonnten in der Runde durchzusetzen. Die professionelle
Kritikfähigkeit wird wiederum an keiner Hochschule gelehrt,
obschon in der Philosophie die Kritik an sich, ein Thema sein
kann. Jedenfalls gibt es für den Kritiker keine schulische
Ausbildung, der damit auf spezifische Selbsterfahrungen in Film,
Theater und Literatur angewiesen ist. Natürlich gibt es in den
Printmedien spezielle Redakteure, welche regelmäßig über
musikalische und sonstige künstlerische Aufführungen
schreiben, und sich damit als solche Kritiker betätigen. Aber
ihr Beruf ist eben die printmediale Redaktion mit noch weiter
gefassten Aufgabenfeldern. Wenn man über längere Zeit mit
bestimmten Sachgebieten beruflich befasst ist, dann wächst fast
automatisch das Wissen und die Kompetenz und damit eben auch die
Kritikfähigkeit, welche sich die Redakteure zumeist auf diese
Weise erworben haben.
Den
Höhepunkt aller Kritikbetrachtungen bildet die Kritik sowohl an
der Subjektivität als auch an der Objektivität, im Sinne einer
konstruktiven Aufklärung über ihre bestandsmäßigen
Grundlagen. So bringt es der individuelle Geist im individuellen
Leib mit einer individuellen Lebensgeschichte mit sich, dass man
als jeweiliges menschliches Subjekt eine ganz unterschiedliche
und damit kritikwürdige Weltsicht haben kann. Zugleich ergibt
sich bei der jeweils eigenen Person ansetzend die Frage nach der
Wirklichkeit und Wahrheit von Subjektivität. Die wäre
vordergründig damit gegeben, dass alle Subjekte Mensch auf
einen Nenner gebracht, im Nenner: "Menschheit", eine
allseits verbindliche Objektivität erzeugen würden. Sie ist
notwendig, wenn die von Subjekten geäußerte Kritik
Berechtigung haben soll. Im Absoluten - wie etwa der Urenergie
vor dem Urknall - besteht keine Kritik. Denn die Möglichkeit
zur Kritik ist direkte Folge von "Gegen-Ständlichkeit",
die ihrerseits erst in der Aufteilung der Urenergie durch
Urknall entstand. Der Urgrund allen Seins ist in seiner
monopolistisch absoluten Symmetrie Objektivität ausschließend
subjektiv, da Objektivität eines symmetriebrechenden Abstandes
bedarf, welchen das urenergetische Subjekt uranfänglich nicht besitzt,
und den es infolgedessen in hierfür notwendiger Selbstkritik
mit urknallender Selbstabstandnahme bei sich selbst herzustellen
hat. Auf diese Weise gründet das per Urknall objektiv gewordene
All auf der tatkräftigen Kritik an seinem Urzustand subjektiv
kritikloser Allvereinheitlichung als tödliche
Selbstbedrohtheit.
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