Über die Kritik - Eine Kurzbetrachtung von Agnus D. / anno domini 2008
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Schlagen wir als erstes einmal im Wörterbuch nach, was man unter dem Begriff "Kritik" zu verstehen habe, so finden wir dort unter Ziffer I.: die Urteilsfähigkeit, sowie unter Ziffer II.: Beurteilung und Wertung, und noch unter Ziffer III.: Tadel, Rüge und Beanstandung. Dann sehen wir uns auch noch gleich an, was Opposition bedeutet, und finden dort an erster Stelle: Gegensatz, Widerstand und Widerspruch. In dieser Wesentlichkeit können wir hier den Begriff ohne weitere Zusätze so belassen. Die Verbindung von Kritik und Opposition ergibt sich damit, dass in Tadel, Rüge und Beanstandung naturgemäß immer auch Gegensatz, Widerstand sowie Widerspruch mitenthalten ist. Ebenso ist die Opposition per se nicht ohne tadelnde Anprangerung möglich. Sonst wäre sie nicht Opposition als Gegenposition, sondern eben Proposition als eine Fürposition im Sinne von Harmonie und Zustimmung. Gegensatz, Widerstand und Widerspruch bedingen nun einmal die Behauptung einer eigenen Richtigkeit gegenüber kritisierter Fehlerhaftigkeit oder auch Falschheit.
Grundsätzlich alles im Sein unterliegt einer von uns vorzunehmenden bewertenden und beurteilenden Einordnung. In unserer Alltagsbewältigung - um nicht sogleich schon vom täglichen Überlebenskampf sprechen zu wollen - müssen wir uns pausenlos orientieren und Entscheidungen finden, die im engsten Bereich uns selbst als Person sowie auch unser künftiges Handeln betreffen. Abwägungen zum Für und Wider vornehmen, und Rechnungen dazu aufstellen, was zu unserem Vorteil sein oder uns zum Nachteil gereichen könnte, das alles wird weitestgehend von der Kritik umfasst und abgedeckt. Und immer sind Kriterien also Bewertungsmaßstäbe im Spiel, die zur Grundlage aller Kritik dienen, und die je nach den spezifischen Gegebenheiten dann solche oder solche sein können. Man wird so z. B. ein Tier nicht mit den gleichen Kriterien bemessen und beurteilen wollen, wie etwa eine Maschine oder ein technisches Gerät. Und immer ist die Kritik eine von menschlichen Subjekten vorgenommene, die abgesehen von objektiven und allgemeinverbindlichen Normvorschriften in Technik, Industrie und Wissenschaft deshalb individuell und subjektiv sein wird. Doch um der Gerechtigkeit willen versuchen all die verantwortungsbewussten Kritiker unter uns zu einer möglichst objektiven d.h. normorientierten Beurteilung zu finden, und dabei ihre Subjektivität so gut es eben geht zu unterbinden, bzw. zurückzudrängen. Denn dass sich niemand aus seiner Subjektivität vollständig zu lösen vermag, ist schließlich allgemein bekannt, da sie nun einmal die natürliche individuelle Ausgangslage darstellt.
Abstrakt und schon fast widernatürlich gestaltet sich von daher die Selbstkritik, die zum größten Teil von unserem Gewissen angeregt wird, aber auch durch äußere Kritik von anderen Menschen an unserer Person bezüglich unseres Verhaltens. Selbstkritik ist die einzige Möglichkeit nachhaltig an sich selbst und seinem Verhalten etwas verändern zu können, weil sie abgesehen von Einsichtigkeit, mit Bedauern und auch einer gewissen Trauer verbunden ist, was wir so eigentlich nicht wiedererleben möchten. Die Fähigkeit zur Selbstkritik ist damit zugleich auch beste Lernfähigkeit. Nur wer auch bei sich selbst sein Verhalten und seine Person betreffend flexibel ist und bleibt, wird den sich ständig ändernden Anforderungen des Lebens und der Zeit gewachsen sein und bleiben. Und immer gibt es da an uns und unserem Verhalten noch irgend etwas zu verbessern. Zwar wird das bei solcher Praxis mit zunehmenden Alter immer weniger, doch perfekt ist und wird in dieser Zeitwelt wohl niemand. Dafür sorgen schon die Rahmenbedingungen der täglichen Existenzgefährdung. Hierbei können Zwangslagen auftreten, in denen wir selbstbetreffend nicht gewinnen können, sondern uns nur noch Schadensbegrenzung übrig bleibt. Aus diesem Grund kann auch niemand gut sein, wie es schon einstmals Jesus einem seiner Zuhörer offenbarte (Mk 10,18 / Lk 18,19).
Mit dem Begriff des Kritikers ist es schon angeklungen, dass Kritik üben eine berufliche Arbeit und manchmal sogar eine hochdotierte sein kann. So kennen wir alle den Theater- oder auch Filmkritiker, welche die neuen Machwerke grob verallgemeinernd auf ihre Publikumstauglichkeit hin zu untersuchen haben. Die Zuschauer sollen vorab wissen können, was sie bei der Aufführung zu erwarten haben. In der Schriftstellerei sind es die Literaturkritiker, die bei den Neuerscheinungen bekannter und berühmter Autoren ihre Rezensionen schriftlich oder medial veröffentlichen. Was es also bei den Medien schon sehr lange Zeit gibt, das fehlt völlig in der Musik und den bildenden Künsten. Da kann ein jeder kriterienlos produzieren wie es ihm beliebt, und das Publikum oder der Verbraucher entscheiden mit ihrer Zustimmung oder ihrem Kaufverhalten über Erfolg und Misserfolg des Werkes. Dabei hat sich eingebürgert, dass was bei der großen Masse ankommt, über jede Kritik erhaben ist, indem der kommerzielle Erfolg das Maß aller Dinge und Qualitäten zu sein habe. Schließlich wird heutzutage nur noch für den Markt produziert, und was sich da nicht behaupten kann, das verschwindet sang- und klanglos in der Versenkung, als die neuzeitliche Müllhalde aller gescheiterten Produkte und Ideen. Die Aufgabe des beruflichen Kritikers besteht erkennbar darin, den ungebildet unkritischen Leuten fachbezogene Kriterien zu vermitteln, mittels derer sie sich ein eigenes fachlich fundiertes Urteil bilden können, ohne dafür vorab auf eine "Besprechung" angewiesen zu sein.
Berufsmäßiger Kritiker bzw. Rezensent zu sein, ist nun nicht unbedingt unproblematisch, da diese sehr oft mit ihren Kritiken selbst in die Schusslinie öffentlicher Kritik geraten. Die entzündet sich allermeistens daran, dass ihnen zu viel Subjektivität in ihren Kritiken vorgeworfen wird. Denn was sich "gut" anhört, oder aber was "gut" aussieht, ist eine reine Geschmacksfrage, über die auch die Kritiker untereinander heftig zu streiten vermögen, wie die entsprechenden TV-Sendungen immer wieder zeigen. Dann muss ein jeder dieser Kritiker versuchen, sich mit seiner Definition des Guten, Wahren und Gekonnten in der Runde durchzusetzen. Die professionelle Kritikfähigkeit wird wiederum an keiner Hochschule gelehrt, obschon in der Philosophie die Kritik an sich, ein Thema sein kann. Jedenfalls gibt es für den Kritiker keine schulische Ausbildung, der damit auf spezifische Selbsterfahrungen in Film, Theater und Literatur angewiesen ist. Natürlich gibt es in den Printmedien spezielle Redakteure, welche regelmäßig über musikalische und sonstige künstlerische Aufführungen schreiben, und sich damit als solche Kritiker betätigen. Aber ihr Beruf ist eben die printmediale Redaktion mit noch weiter gefassten Aufgabenfeldern. Wenn man über längere Zeit mit bestimmten Sachgebieten beruflich befasst ist, dann wächst fast automatisch das Wissen und die Kompetenz und damit eben auch die Kritikfähigkeit, welche sich die Redakteure zumeist auf diese Weise erworben haben.
Den Höhepunkt aller Kritikbetrachtungen bildet die Kritik sowohl an der Subjektivität als auch an der Objektivität, im Sinne einer konstruktiven Aufklärung über ihre bestandsmäßigen Grundlagen. So bringt es der individuelle Geist im individuellen Leib mit einer individuellen Lebensgeschichte mit sich, dass man als jeweiliges menschliches Subjekt eine ganz unterschiedliche und damit kritikwürdige Weltsicht haben kann. Zugleich ergibt sich bei der jeweils eigenen Person ansetzend die Frage nach der Wirklichkeit und Wahrheit von Subjektivität. Die wäre vordergründig damit gegeben, dass alle Subjekte Mensch auf einen Nenner gebracht, im Nenner: "Menschheit", eine allseits verbindliche Objektivität erzeugen würden. Sie ist notwendig, wenn die von Subjekten geäußerte Kritik Berechtigung haben soll. Im Absoluten - wie etwa der Urenergie vor dem Urknall - besteht keine Kritik. Denn die Möglichkeit zur Kritik ist direkte Folge von "Gegen-Ständlichkeit", die ihrerseits erst in der Aufteilung der Urenergie durch Urknall entstand. Der Urgrund allen Seins ist in seiner monopolistisch absoluten Symmetrie Objektivität ausschließend subjektiv, da Objektivität eines symmetriebrechenden Abstandes bedarf, welchen das urenergetische Subjekt uranfänglich nicht besitzt, und den es infolgedessen in hierfür notwendiger Selbstkritik mit urknallender Selbstabstandnahme bei sich selbst herzustellen hat. Auf diese Weise gründet das per Urknall objektiv gewordene All auf der tatkräftigen Kritik an seinem Urzustand subjektiv kritikloser Allvereinheitlichung als tödliche Selbstbedrohtheit.
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